Knallerfotos, Alltagsbilder und die Angst, sich selbst zu verlieren

26.02.2026
Es gibt diese Fotografen.
Die laufen mit einer kleinen Kamera durch die Stadt, fotografieren Ecken, Licht auf Wänden, Menschen im Vorbeigehen – und irgendwie wirken die Bilder ruhig, ehrlich, fast beiläufig. Nichts schreit. Nichts drängt sich auf. Und trotzdem bleibt man hängen.

Ich bewundere das.

Gleichzeitig merke ich: Wenn ich solche Bilder mache, denke ich oft beim Sichten „Hm … nett. Aber irgendwie auch langweilig.“ Und genau da beginnt der innere Konflikt.

Zwei Arten zu fotografieren – und beide sind legitim


Je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: Es gibt nicht „die eine“ richtige Art zu fotografieren. Es gibt unterschiedliche Haltungen.

Die einen…

- halten Eindrücke fest
- sammeln Momente
- fotografieren aus dem Gehen heraus
- akzeptieren Unperfektes
- denken oft in Serien statt in Einzelbildern

Ihre Fotos sagen eher: „So hat es sich angefühlt, dort zu sein.“

Die anderen (und dazu zähle ich mich eher)…

- suchen Ordnung im Chaos
- warten auf Konstellationen
- wollen starke Kompositionen
- denken in Bildern, die „stehen“
- haben einen hohen Anspruch an jedes einzelne Foto

Ihre Fotos sagen eher:
„So will ich dir das zeigen.“

Beides ist Fotografie. Aber es sind unterschiedliche Spiele mit unterschiedlichen Regeln.

Warum einfache Bilder so schwer sind


Das Gemeine an einfachen, alltäglichen Bildern ist:
Sie sehen leicht aus – sind es aber nicht.

Sie funktionieren nicht über:

- Drama
- spektakuläres Licht
- offensichtliche Motive

Sondern über:

- Beziehungen im Bild
- Timing
- Subtilität
- Kontext
- Und vor allem: über Menge.

Viele der Fotografen, die ich bewundere, zeigen nicht ihr bestes Bild – sie zeigen ihr Leben in Bildern. Dazwischen darf Mittelmaß sein. Leise Bilder. Unauffällige Momente.

Ich hingegen bewerte jedes Foto sofort:
„Trägt das? Reicht das? Ist das stark genug?“

Kein Wunder, dass einfache Bilder bei mir oft verlieren.

Das eigentliche Problem: falscher Maßstab


Der Fehler ist nicht, dass mir meine Alltagsbilder zu schwach vorkommen. Der Fehler ist, dass ich sie mit meinen Knallerfotos vergleiche.

Ein einfaches Bild will kein „Wow“.
Es will ein „Ja, genau so.“

Und wenn ich ehrlich bin: Ich erlaube mir dieses „Ja“ oft nicht.

Die Angst, sich selbst zu verlieren


Was mich lange gebremst hat, war dieser Gedanke: „Wenn ich jetzt auch nur noch Alltägliches fotografiere, verliere ich meinen Anspruch.“ Aber das ist ein falscher Gegensatz. Man muss nicht jemand anders werden, um etwas Neues auszuprobieren. Der Trick ist nicht, den eigenen Anspruch abzuschaffen – sondern ihn anders einzusetzen. Nicht beim Auslösen. Sondern später.

Wie man die „andere Seite“ ausprobiert, ohne sich selbst zu vergessen


Was mir hilft (und vielleicht hilft es dir auch):

1. Die Modi trennen

Es gibt Tage für:

- bewusste Fotografie
- Ziel
- starke Bilder

Und es gibt Tage für:

- Sammeln
- Beobachten
- Kein Ergebnis erzwingen

Nicht mischen. Wirklich nicht.

2. Nicht nach Motiven suchen, sondern nach Beziehungen

Statt: „Was ist interessant?“

Lieber:
Licht ↔ Fläche
Mensch ↔ Raum
Bewegung ↔ Ruhe
Leere ↔ Detail

Das passt auch zu einem strukturierten Blick – ohne laut zu sein.

3. Serien denken, nicht Einzelbilder

Ein einzelnes leises Bild wirkt oft verloren.
Fünf zusammen erzählen plötzlich etwas.
Diese Bilder funktionieren im Chor, nicht als Solo.

4. Nicht alles teilen
Ein riesiger Druck fällt weg, wenn ein Bild niemandem gefallen muss. Plötzlich darf es einfach da sein. Ein Satz, der mir hilft „Ich darf Bilder machen, die nichts beweisen müssen.“ Das ist kein Verzicht auf Qualität. Das ist ein anderer Begriff von Qualität.

Am Ende


Vielleicht geht es gar nicht darum, auch solche einfachen Bilder machen zu können. Vielleicht geht es darum, ihnen Raum zu geben, ohne den eigenen Anspruch zu verraten. Die starken Bilder verschwinden dadurch nicht. Aber dazwischen entsteht etwas anderes: Bilder, die atmen.

Und vielleicht reicht das manchmal völlig aus.